In meinem Blog-Artikel “Durch funktionelle Medizin raus aus der Erschöpfung” habe ich euch die funktionelle Medizin vorgestellt und wie diese dabei hilft, die gesundheitlichen Folgen von Dauerstress nachhaltig erfolgreich loszuwerden. Der Artikel ist auf großes Interesse gestoßen und ich habe mich sehr über eure positiven Rückmeldungen gefreut.

Ihr habt mir auch Fragen zur medizinischen Praxis gestellt und diese möchte ich euch gerne beantworten. Allerdings sehe ich mich mehr als Experten für das anschauliche Erklären der Hintergründe, als für die Anwendung. Deswegen freue ich mich, dass ich mit Dr. med. Stephan Bortfeldt aus Hannover einen Experten aus der medizinischen Praxis für ein Interview gewinnen konnte

Dr. med. Stephan Bortfeldt – “Wo andere Ärzte aufhören, fange ich an”

Dr. med. Stephan Bortfeldt hat in Hannover und Berlin Humanmedizin studiert und seit 2000 eine allgemeinmedizinische Praxis in Laatzen. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der funktionellen Medizin sowie mit der integrativen und orthomolekularen Medizin*.

Er wollte für und mit seinen Patienten die Ursachen für ihre Beschwerden finden und soweit möglich beseitigen – und nicht nur mit Medikamenten Symptome überdecken. Dafür hat er in seiner Praxis in Laatzen ein immer größeres Spektrum an Methoden der funktionellen Medizin angeboten. Dieses bisher leider noch seltene Vorgehen ist auf immens großes Interesse seitens der Patienten gestoßen. Der Bedarf war schließlich in einer normalen hausärztlichen Praxis nicht mehr zu decken.

Zusammen mit Sascha Brinkmann, ebenfalls Arzt, hat er Health Prevent gegründet: ein Zentrum für Funktionelle Medizin, Prävention und Gesundheitsförderung in Hannover. Hier begleitet Dr. Bortfeldt zusammen mit einem interdisziplinären Team Menschen dabei, Erkrankungen ursächlich zu therapieren bzw. unterstützt sie bei der effektiven Prävention – schließlich ist Vorbeugen die beste Medizin.

(*integrative Medizin: Verbindung der Schulmedizin mit traditionellen Heilverfahren, z.B. der Naturheilkunde, orthomolekulare Medizin: Behandlung von Beschwerden durch individuell passende Vitalstoffe)

Das Interview – Eure Fragen und Dr. Bortfeldts Antworten

Dr. Bortfeldt, ich freue mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, die Fragen der Leser von www.gesundheits-puzzle.de rund um das Thema funktionelle Medizin & Stress zu beantworten.
Vielen Lesern waren die Inhalte meines letzten Artikels weitgehend unbekannt. Sie wussten nicht, dass Dauerstress Nährstoffmängel verursachen, ein Ungleichgewicht oder Mangel an Botenstoffen auslösen und sogar zu einer Fehlregulation des vegetativen Nervensystems führen kann.
Eine Frage, die mir gestellt wurde, war daher: Wenn Stress diese Folgen hat und man das messen und beheben kann, warum weiß mein Hausarzt nichts davon? Warum werden diese Methoden nicht viel öfter angewandt?

Ein Grund hierfür ist sicherlich das sektorale Denken vieler Mediziner: Stress = Psyche. Sie haben zwar im Hinterkopf, dass es so etwas wie die Stressachse* mit Hypophyse, Hypothalamus und Nebenniere gibt, aber das wird ein Stück weit ausgeblendet. Und die ganzen anderen durch Stresse ausgelösten körperlichen Abläufe und chemischen Reaktionen sind ihnen oft schlicht und einfach nicht bekannt.

Und dann gibt es in der Schulmedizin ganz klar eine Fokussierung auf Symptome, das ist sicherlich der Hauptgrund. Das, was wir in der funktionellen Medizin machen, ist ja keine Alternativmedizin oder Esoterik. Es ist letztendlich nichts anderes als angewandte Naturwissenschaft. Aber die Naturwissenschaften – Biochemie, Molekularbiologie usw. – werden nach dem Medizin-Grundstudium beiseite gepackt. Und im Hauptstudium wird sich dann nur noch auf Krankheiten, Symptome und passende Medikamente fokussiert.

 (*Stressachse: bei Stress teilt ein Bereich im Gehirn (der Hypothalamus) einer ebenfalls im Gehirn liegenden Drüse (der Hypophyse) mit, dass diese bestimmte Botenstoffe ausschütten soll. Diese Botenstoffe bewirken dann, dass die Nebenniere Stresshormone wie z.B. Cortisol ausschüttet und der ganze Körper auf Leistung einstellt wird. Stress bewirkt auf diesem, als Stressachse bezeichneten, Weg klare körperliche Veränderungen.)

Wie sind Ihre Erfahrungen bei Menschen mit Erschöpfung/ Burnout? Wie schnell geht es den Betroffenen durch das Messen und Auffüllen von Botenstoffen oder durch das Beheben eines Nährstoffmangels besser?

Manchmal rasend schnell. Wir hatten gerade eine Patientin, die nach 5 Tagen von einer deutlich spürbaren Verbesserung berichtet hat. Im Regelfall dauert es bei einem Burnout 2-6 Monate, bis der Patient komplett wieder genesen ist.

Hierbei darf man aber die psychische Komponente nie vernachlässigen. Wenn die Psyche für die körperlichen Veränderungen verantwortlich ist, dann bringt das Auffüllen allein wenig, solange die Stressoren nicht nachlassen. Es muss immer auf die Defizite UND die Stressoren eingegangen werden.

Und, was man auch nicht vergessen darf, viele Leute nehmen etwas zum Ausgleich der Defizite, hören damit aber wieder auf, wenn es ihnen besser geht. Deswegen sag ich auch immer: „Wenn der Tank von ihrem Auto leer ist, fahren sie ja auch nicht weiter“. Das ist ein Punkt, den ich unbedingt loswerden möchte und den ich vielleicht an dieser Stelle mal einfließen lasse: Es wird den Leuten immer wieder gesagt: „Vitamin- und Nährstoff-Substitution ist nicht erforderlich“. Aber das ist schlichtweg falsch!

Das können wir dadurch belegen, dass wir tausende von Untersuchungen gemacht haben bei Patienten. Und bis auf einen einzigen Patienten, der jede Menge Vitamine und Mikronährstoffe eingenommen hat, war nicht einer frei von Defiziten. Hintergrund ist der, dass Qualität von Nahrungsmitteln nicht die gleiche ist wie früher. Da sind weniger Vitamine drin sind. Gleichzeitig ist der Bedarf heute durch das moderne Leben mit vielen Reizen, Pestiziden in der Nahrung und hohen Anforderungen ein anderer.

Ein Beispiel, dass das schön zeigt, ist folgendes: Für Vitamin B12 wird von der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) gesagt, dass es über Jahre in der Leber gespeichert wird und man 3µg pro Tag braucht, um seinen Spiegel zu halten. Ich habe einen Patienten gehabt, der hatte im Spätsommer 2017 einen ganz niedrigen Vitamin B12 Spiegel von 222 pg/ml. Dann hat der Spritzen bekommen und hatte Anfang Januar 2018 ein Spiegel von 3114 pg/ml. Also sehr hoch, was nicht schlimm ist, da es in der Leber gespeichert wird. Nach dem, was wir gelernt haben, müsste das ja – selbst wenn man nichts über die Nahrung aufnimmt – mindestens 3-4 Jahre reichen. Der Patient hat sich aber ganz normal ernährt und hatte nach 14 Monaten wieder einen zu niedrigen Spiegel. Der Grund: der Mann hatte als Gymnasialdirektor viel Stress. Und Vitamin B12 wird neben weiteren Nährstoffen für die Adrenalin-Produktion gebraucht. Sein Bedarf war also deutlich erhöht und nicht über die Ernährung zu decken.

Danke für das spannende Beispiel. Das Thema greife ich auch im Stresskurs auf, den ich bald unter anderem bei Health Prevent anbieten werde. Als Bild dafür nutze ich das Kuchen backen: Für das Herstellen von Stress- und Entspannungshormonen sind wie beim Kuchen backen viele Zutaten notwendig. Und wenn jemand mehr Kuchen bäckt – also mehr Stress hat – braucht er auch mehr Zutaten. Und zwar mehr von ALLEN notwendigen Zutaten. Denn bereits bei einer fehlenden Zutat funktioniert es nicht mehr mit dem „Backen“.

Das ist ein schöner Vergleich! Den werde ich übernehmen.

Wie sind ihre Erfahrungen bei der VNS-Analyse? Wie viele Menschen haben messbar Schwierigkeiten zu entspannen? Und nehmen die Betroffenen das auch selbst wahr oder sind sie eher überrascht vom Ergebnis?

Die VNS-Analyse ist ein sehr sensibles Verfahren, um auf neurophysiologischer Ebene die Regulation des vegetativen Nervensystems zu bewerten. Oft passen das Stressgefühl und die Messung gut zusammen. Manchmal ist es auch so, dass Patienten sich sehr gestresst fühlen, die Messung aber keine Fehlregulation zeigt. Diese Menschen können den Stress noch gut verarbeiten. Und in einigen Fällen merken die Patienten es tatsächlich nicht, dass sie zu stark angespannt sind und es fällt erst durch die Messung auf.

Wenn Patienten Schwierigkeiten haben zu entspannen, kann das zwei Gründe haben. Entweder, weil sie nicht loslassen können oder aber, weil das VNS schon in einer sogenannten Regulationsstarre ist, in der es wirklich nicht mehr funktioniert zu entspannen. Letzteres ist nicht so sehr häufig und eigentlich eher so, wenn jemand chronisch krank ist. Der Regelfall ist es, dass die Leute eine schlechte VNS-Analyse haben, weil sie nicht wissen, wie sie entspannen sollen. Das ist bei den meisten, die wir hier sehen, so. Wir zeigen ihnen dann, wie sie mit Atemübungen entspannen können und machen direkt eine zweite Messung, begleitet von Atemübungen. Dann reguliert sich das VNS oft schon direkt besser.

Was empfehlen Sie Ihren Patienten, wenn die VNS-Analyse zeigt, dass sie zu stark in der Anspannung feststecken oder ihre Fähigkeit zur Entspannung eingeschränkt ist? Wie schnell treten durch empfohlene Behandlungen mess- und vor allem auch fühlbare Verbesserungen auf?

Hier lässt sich sagen: je einfacher das Problem, desto schneller die Lösung.

Wenn die Patienten nur nicht wissen, wie sie gut entspannen können, dann empfehle ich Atemübungen oder Entspannungsübungen. Oder ich empfehle ihnen Yoga. Yoga ist keine esoterische, asiatische Praktik, sondern angewandte Neurophysiologie. Es stimuliert nachweislich den Parasympathikus und ist ein sehr probates Mittel, um entspannen zu können.

Ein weiteres, sehr effektives Entspannungsverfahren ist das Höhentraining. Dabei atmet der Patient in der Entspannung sauerstoffarme Luft ein. Das reguliert das Vegetativum oft in 1 bis 2 Wochen.

Wenn zu starker Stress hinter dem schlechten Messergebnis steckt, dann gilt es die Stressoren anzugehen. Ich hatte gerade eine Patientin, da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, als sie mir erzählt hat, dass sie ihren Job gekündigt hat.

Auch Nährstoff-Defizite können die Ursache sein und wenn diese ausgeglichen werden, tritt eine direkte Verbesserung ein.

Schwieriger wird es, wenn eine Erschöpfung durch eine Viruserkrankung, etwa Eppstein-Barr-Virus oder Borreliose, verursacht wird. Aber auch da kann man viel machen.

Generell ist es immer hilfreich, früh zu kommen. Dann lassen sich viele Dinge leichter beheben.

Wie wichtig ist in ihren Augen die Veränderung des eigenen Lebensstils und ein gesunder Umgang mit Stress, um mittels funktioneller Medizin mehr Gesundheit und Energie zu erzielen?

Das ist die wichtigste Frage überhaupt! Es gibt ein Chart des amerikanischen Instituts für funktionelle Medizin: „Determinants of Health“. Das zeigt: 60% der Gesundheit wird bestimmt durch Umwelt, Lebensstil und Ernährung, 30% durch Genetik und 10% durch den Therapeuten.

Das heißt, die Veränderung des eigenen Lebensstils ist mit Abstand der wichtigste Parameter, wenn man gesund werden will. Es gibt ja auch einen anderen Spruch: „Health does not come from pills“. Das ist eigentlich die zentrale Aussage. Denn die vielen Erschöpfungs- und Autoimmunerkrankungen, die wir haben, die sind lebensstilbedingt! Einfach durch die Welt, in der wir leben. Es gibt ja Leute, die sprechen von nicht artgerechter Haltung. Das ist auch ein gutes Bild.

Also: ohne Bereitschaft zur Veränderung des Lebensstils und der Ernährungsgewohnheiten kann das ganze nicht funktionieren. Das ist wie das Bild mit dem Kuchen und den Zutaten. Wenn wichtige Zutaten fehlen, und dazu gehören Lebensstil und Ernährung unbedingt, dann wird der Kuchen nichts.

Nun zum Thema gesunder Umgang mit Stress: Es ist so, dass man seine Stressresistenz unter anderem durch die optimale Versorgung mit Nährstoffen verbessern kann. Wenn ich mich nicht optimal ernähre, hat der Körper keine Reserven oder mit anderen Baustellen zu kämpfen. Aber wenn er optimal versorgt ist und gut funktioniert, dann kann er auch mehr ab. Und dann ist es noch wichtig, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und rechtzeitig zu erkennen  „So, jetzt reicht es aber!“

Da ist Stress ja auch vergleichbar mit Sport: wenn ich optimal versorgt bin, passend zu meinen Fitnesslevel trainiere und dann Pause mache, werde ich körperlich stärker. Wenn ich optimal versorgt bin, stressige Herausforderungen erfolgreich meistere und mich dann unbedingt auch erhole, werde ich resilienter. Kann also zukünftige Herausforderungen besser meistern.

Unbedingt! Zum einen darf es kein Overtraining sein bzw. kein zu starker Stress. Und zum anderen müssen unbedingt Erholungsphasen sein. Ich persönlich bin da ein gutes Beispiel, weil ich auch dazu neige zu viel zu machen, inzwischen aber erkannt habe: Da müssen auch Pausen rein! Jetzt habe ich zum Beispiel radikal meine Vortragstätigkeit reduziert. Ich war in den ersten 3 Monaten diesen Jahres nur zwei Wochenenden mit Vorträgen beschäftigt. Sonst habe ich um die Zeit meist schon zehn Wochenenden mit Vorträgen und Reisen gehabt. Das tut richtig gut.

Aber um es nochmal zusammenzufassen. Die wichtigste Botschaft, die ich den Leuten auch immer sage, ist: Ihr müsst bereit sein, über euer Leben nachzudenken und etwas zu ändern!

Wie finde ich einen Arzt, der Ursachenmedizin betreibt und Methoden der funktionellen Medizin anbietet? Gibt es Zusatzausbildungen, die dieser haben sollte?

Ein Arzt zu finden, der das macht ist relativ schwierig. Hier in Hannover geht das noch. Wir haben hier ein paar Kollegen, die so denken. Wenn auch nicht viele. In unsere Praxis kommen aber zum Beispiel auch viele Patienten aus dem Umland, von Bielefeld bis Braunschweig oder aus der Lüneburger Heide, weil die auf dem platteren Land nichts finden.

Es gibt aber einige Labore, die viel Vitamin-, Mikronährstoff- oder Botenstoff-Diagnostik anbieten. Zum Beispiel die Labore Biovis oder Ganzimmun. Die haben sehr schöne Präsenzveranstaltungen und auch Online-Fortbildungen. Und auch das Labor IMD in Berlin mit der Weiterbildungsplattform inflammatio.de ist eine ganz hervorragende Informationsquelle. Da können alle Ärzte ganz viele Informationen rausziehen. So habe ich das auch gemacht. Und da kann jeder Arzt Proben hinschicken.

Manchmal heißt das auch nicht funktionelle Medizin, aber die Ärzte machen das. Funktionelle Medizin ist ja nur der Begriff für wissenschaftsbasierte Ursachenmedizin. Und manche machen das, ohne es so zu nennen.

Ich persönlich habe mir das viel auch autodidaktisch angeeignet. Ich habe mir ein Biochemie-, Molekularbiologie- und Physiologie-Buch gekauft und den Kopf reingesteckt. Und durch meine Vortragstätigkeit habe ich auch viele Leute getroffen und viele andere Vorträge gehört. Das ist auch eine gute Informationsquelle.

Aber sie haben ja auch eine Fortbildung dazu gemacht, oder?

Ja, es gibt einen Kollegen, Robert Barring, der bietet eine Ausbildung zur funktionelle Medizin an. Die habe ich mitgemacht. Darüber hinaus gibt es nur wenige Einrichtungen in Deutschland, die auf dem Gebiet weiterbilden. Und ein Problem ist auch: Viele wenden das Wissen nach einer solchen Weiterbildung nicht konsequent an, weil sie aus ihrem Alltag nicht rauskommen. Robert Barring hat auf seiner Webseite ifms-hannover.de eine Therapeutenliste, wo der Patient einmal seine Postleitzahl eintippen kann. Da findet man dann Kollegen, an die man sich wenden kann, die ein gutes Verständnis für funktionelle Medizin haben. Und wenn die dann das Gefühl haben sollten „Ich komme da nicht weiter“, dann kennen die meist auch  Kollegen mit mehr Praxiserfahrung, zu denen sie einen schicken. Wir kriegen zum Beispiel auch viele Zuweisungen.

Also, wenn jemand hier aus der Region kommt, der ist bei uns gut aufgehoben. Wir haben auch, da wir noch nicht so lange dabei sind, recht kurze Wartezeiten, während andere Kollegen auf Monate ausgebucht sind.

Ein Aspekt, der bei den Fragen nicht speziell aufgeführt war, den ich aber gerne noch aufführen möchte: wir merken immer mehr, welche Rolle in dieser Konstellation aus ungesunder Umwelt, schlechtem Lebensstil, Stress, Vitamin- und Mikronährstoffdefiziten die Genetik spielt.

Eigentlich müssten wir bei jedem Patienten auch die Gene untersuchen. Leider sind diese Untersuchungen in Deutschland immer noch sehr teuer. Wir haben aber das Glück, dass die gesetzlichen Versicherungen alle relevanten genetischen Untersuchungen bezahlten. Private Kassen tun das leider nicht.

Wir haben eine Liste an Genen, die gerade in unserer stressgeplagten Welt eine wichtige Rolle spielen und die wir, wenn möglich, immer untersuchen. Und dann noch weitere Gene, die je nach Anamnese wichtig sind.

Ein Beispiel ist etwa das COMT-Gen: Menschen, die eine bestimmte Variante in diesem Gen haben, können Stresshormone deutlich verlangsamt abbauen und geraten dadurch schneller in ein Burnout. Für diese Menschen ist ein gesunder Umgang mit Stress und auch viel Bewegung besonders wichtig.

Ein weiteres Beispiel sind die sogenannten Cytochrome, Enzyme die bei der Entgiftung von Medikamenten und anderen Fremdstoffen eine wichtige Rolle spielen. Sie glauben gar nicht, wie hoch die Rate an Menschen ist, die diese Medikamente genetisch bedingt langsam abbauen und dadurch einfach langsam entgiften, sogenannte slow metabolizer. Eine Sache, die so nicht laufen dürfte: Gerade Stresspatienten kriegen  häufig Psychopharmaka verschrieben. Sind diese aber slow metabolizer haben sie bei schon normaler Dosierung sehr schnell eine Vergiftung. Wir versuchen es tunlichst zu Vermeiden bei psychischen Beschwerden Psychopharmaka zu geben. Da gehen wir dann lieber mit pflanzlichen Substanzen ran und auch da muss man auf die jeweils abbauenden Enzyme achten.

Das ist für die Zukunft ein immer wichtigeres Feld. Funktionelle Medizin und Genetik gehört zusammen.

Das stimmt! Ich habe einmal in einem Interview die Aussage eines Mitarbeiters der FDA (Food and Drug Administration, Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten) gelesen, dass das Geben bestimmter Medikamente ohne das Kennen der Genetik ähnlich undenkbar sein müsste, wie das Geben einer Blutkonserve ohne das Kennen der Blutgruppe. Das fand ich einen hervorragenden Vergleich.

Ja, das würde ich sofort unterschreiben. Das wird hier leider immer noch bedenkenlos gemacht. „A pill for every ill“ und jeder Pharmakologe* schlägt die Hände über den Kopf zusammen. Das ist so gefährlich.

Ich habe einen Vortrag gehört von einem klinischen Pharmakologen* aus Heidelberg, Prof. Wehling. Der beschäftigt sich sehr intensiv mit Wechselwirkungen von Arzneimitteln und Todesfällen, zu denen es dadurch kommt. Und es gibt in Deutschland etwa 25.000 – 30.000 Todesfälle pro Jahr durch Polypharmazie (= eine Person bekommt mehrere Medikamente). Das sind viel mehr Tote als durch Verkehrsunfälle! Da sterben 3000-4000 Menschen pro Jahr dran. Und es findet aber einfach kein Umdenken statt!

(*Pharmakologe: Wissenschaftler, der sich mit der Wechselwirkung von Stoffen wie z.B. Medikamenten und Lebewesen befasst)

Das ist wirklich unglaublich!
Mit welchen Kosten muss ich denn rechnen, wenn ich lieber funktionelle Medizin nutzen möchte, damit es mir besser geht? Was zahlen gesetzliche bzw. private Krankenkassen?

Die privaten Krankenkassen zahlen im Prinzip alles bis auf die Genetik. Die Genetik zahlen sie nur manchmal auf Anfrage. Die gesamte Vitamine- und Nährstoffdiagnostik und die Gespräche mit dem Arzt übernehmen die privaten Kassen aber.

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen an Labordiagnostik leider fast nichts. Wir kriegen 1,65€ pro Quartal und Patient und nur in dem Umfang dürfen wir Laborleistungen erbringen. Bei 2000 Patienten darf ich für gut 3000-4000€ Labordiagnostik machen. Wenn am Quartalsende noch etwas von dem Geld über ist, bekomme ich es als Bonus. Wenn es alle ist, dann bekomme ich nichts. Und wenn ich zu viel Labordiagnostik mache, dann muss ich als Arzt draufzahlen. Bei den gesetzlich Versicherten mache ich es so, dass ich mal einen Schilddrüsen- oder Eisenwert auf Kosten der Kasse mache. Viel mehr ist leider nicht drin.

Ansonsten ist es so: Eine Sache, die man in der funktionellen Medizin unbedingt braucht ist Zeit. Hier gibt es bei den gesetzlichen Krankenkassen aber leider auch eine Flatrate-Finanzierung. Wir bekommen pro Quartal und pro Patient ca. 65€, egal ob er einmal kommt oder 100 mal. Und aufgrund dieser Flatrate-Finanzierung wäre es wirtschaftlicher Selbstmord sehr zeitaufwändige Medizin zu machen, ohne das gesetzliche Versicherte dies dann leider selbst zahlen müssen.

Die Botschaft an die, die unsere Leistungen selbst bezahlen müssten: Wir versuchen immer die Kosten schmal zu halten. Das Erstgespräch von etwa einer Stunde kostet zwischen 90 und 120€, die Herzfrequenz-Analyse 40€. Danach richtet sich das nach Zeitaufwand, pro Viertelstunde etwa 30€. Das was de facto am teuersten ist, ist die Labordiagnostik. Da fangen wir aber auch mit den Must-have-Werten an und generieren daraus ganz viel. Und direkt im Erstgespräch geben wir den Patienten auch Hilfestellungen zur Ernährungs- und Lebensstilveränderung an die Hand, um selbst in Aktion treten zu können. Dafür ist ja auch ihre Seite genial!

Außerdem machen wir das auch ganz transparent. Hier tappt keiner in eine Kostenfalle rein. Der Patient bekommt eine genaue Auflistung, was wie viel kostet und es entstehen keine Kosten ohne seine Zustimmung.

Und es lohnt sich! Bei ca. 10% ist es die Therapie wirklich schwierig, einfach aufgrund der Komplexität des Menschen. Funktionelle Medizin ist manchmal wirklich die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Aber die Erfolgsstorys, die wir haben, werden immer mehr.

Vielen Dank für das Interview, Dr. Bortfeldt!
Du würdest gerne mehr darüber lernen, wie die Kombination aus funktioneller Medizin und gesundem Lebensstil dir auf deinem Weg zu mehr Gesundheit helfen kann? Bei Health Prevent in Hannover gibt es regelmäßig Vortragsreihen zu Themen wie “Gesunder Darm”, “Starke Abwehrkräfte” oder “Gesunde Ernährung”. Ich bin dort auch mit dem Vortrag “Wie Stress dir Kraft gibt, statt dich krank zu machen” dabei. Die nächste Vortragsreihe startet am 08.Mai 2019 um 19.00 Uhr. Unter info@health-prevent.de oder 0511 – 874 588 13 kannst du Details erfahren und dich anmelden.